Arbeitsunfall im mittelhessischen Runkel: Vier Arbeiter in Gerberei getötet

Am 16. April, einem Donnerstagnachmittag, wurden fünf Arbeiter einer alten Gerberei in Mittelhessen in einer Grube leblos aufgefunden. Zwei konnten reanimiert werden, doch für die drei anderen kam jede Hilfe zu spät. Nur eine Woche später ist am vergangenen Mittwoch ein vierter Arbeiter im Krankenhaus gestorben.

Der Arbeitsunfall beraubt die alte Gerberei fast ihrer ganzen Belegschaft. Die Lederfabrik und Pelzgerberei Beuleke besteht schon seit 200 Jahren. Es ist ein Familienbetrieb mit nur einem halben Dutzend Mitarbeitern, vor den Toren der Kleinstadt Runkel (Limburg-Weilburg) am Flüsschen Lahn gelegen. Auf der Betriebswebsite steht: „Wegen Trauerfall geschlossen!“ und im Ort stehen alle Fahnen auf Halbmast.

Pelz-Zurichter an der Dünnschneidemaschine, Fa. Udo Meinert & Söhne, Rötha [Photo by Matthias Geuther / undefined]

Am gestrigen Donnerstagabend wurden die Obduktionsergebnisse bekanntgegeben. Demnach wurden die Männer Opfer einer Vergiftung mit Schwefelwasserstoff, einem äußerst giftigen Gas, das sehr schnell zum Tode führen kann. Es hat eine größere Dichte als Luft und sammelt sich am Boden und in Gruben. Das Tückische: der charakteristische, warnende Geruch nach faulen Eiern wird unter Umständen nicht wahrgenommen, da der Schwefelwasserstoff bei höherer Konzentrationen die Eigenschaft aufweist, die Geruchsrezeptoren zu betäuben.

Es wird vermutet, dass einer oder mehrere Männer bei ihrer Arbeit in die Grube stiegen und ohnmächtig wurden, und die anderen versuchten, ihnen zu Hilfe zu kommen. Der fünfte, schwer verletzte Arbeiter war der Monteur einer Rohrreinigungsfirma, der nur zufällig zugegen war.

Die Anteilnahme der Bevölkerung ist riesengroß. Für die Hinterbliebenen eines Opfers, des 35-jährigen Yuri, wurde eine Spendensammlung eingerichtet; er hinterlässt eine Frau und ein fünfjähriges Töchterchen. Auf Initiative einer Mutter im örtlichen Kindergarten kamen für diese Familie in wenigen Tagen 37.000 Euro zusammen. Die Bürgermeisterin hat nun weitere Spendensammlungen angeregt.

Die Rettungskräfte, die am 16. April zur Gerberei gerufen wurden, hatten rasch eine hohe Giftkonzentration in der Grube festgestellt und entsprechend reagiert. Sie bargen die Opfer vorsichtig, ließen sie per Hubschrauber in mehrere Kliniken bringen und sorgten noch vor Ort für Dekontaminierung aller Beteiligten. Die Rettungskräfte sind freiwillige Feuerwehrleute vom Ort, die die Opfer auch persönlich kannten, denn einer der Verstorbenen war selbst Mitglied der örtlichen Feuerwehr.

Das Gerben, die Verarbeitung von Tierhäuten zu Leder und Pelzen, ist ein sehr altes, komplexes Handwerk, das zahlreiche besondere Arbeitsschritte umfasst. Die größten Gefahren für Mensch und Umwelt rühren jedoch nicht vom Produktionsprozess selbst, sondern von den Abfällen her.

Abfallreste von Tierhäuten, die in Klärgruben zwischengelagert werden, können im Gärungs- und Verrottungsprozess hochgiftige Substanzen wie Kohlenmonoxid, Faulgase und eben Schwefelwasserstoff bilden. Das Giftigste, der Schwefelwasserstoff, der den Geruchssinn lahmlegen kann, ist weltweit der häufigste Grund für tödliche Unfälle in einer solchen Produktion.

Die Gerberei Beuleke betont auf ihrer Website, dass sie zwar „großen Wert auf Tradition“ lege (und teilweise mit über 100 Jahre alten Maschinen arbeite), aber: „[Es] war uns stets wichtig, auch ökologische Aspekte in unsere Arbeit mit einzubeziehen. Wir verzichten daher auf bedenkliche Gerbverfahren und produzieren mit einer eigenen Klär- und Neutralisationsanlage für unsere Produktionsabwässer.“ Die Kläranlage ist seit dem Unfall abgepumpt und geleert worden. Die genaueren Umstände des grausigen Arbeitsunfalls dauern noch an.

Die mittelhessische Region war lange Zeit für ihre Gerbereien weltbekannt, wovon noch heute das Ledermuseum in Offenbach Zeugnis ablegt. Mit der Globalisierung ist der Beruf des Gerbers in Deutschland jedoch beinahe ausgestorben. Gleichzeitig hat sich weltweit die Verarbeitung von Tierhäuten zum industriellen Prozess entwickelt. In Nord- und Südamerika, China und Indien sind große Gerbereibetriebe entstanden.

Wie Human Rights Watch kritisiert, geht in Teilen Indiens, Pakistans und Bangladeschs der Beruf eines Gerbers mit enormen Arbeitsrisiken einher. In einer Vorstadt von Dhaka sind elfjährige Jungen erkrankt, weil sie beim Gerben gefährlichen Chemikalien ausgesetzt waren. Die Lederproduktion für teure Luxusprodukte ist mit Ausbeutung, Umweltbelastung und der Gefahr von Arbeitsunfällen und Vergiftungen verbunden.

In Deutschland gibt es heute nur noch etwa zehn große Gerbereien, daneben 20 mittlere und 40-50 sehr kleine Betriebe; insgesamt arbeiten noch rund 2.000 Beschäftigte in diesem Beruf. Sie haben sich meist auf Nischen spezialisiert, stellen eine besondere Qualität her oder produzieren für das sogenannte „Premiumsegment“. Der Betrieb in Runkel war auf die Herstellung von Tierfellen als Teppiche und zur Dekoration spezialisiert und verarbeitete Tierhäute von Schäfern und Jägern aus der Region.

Theoretisch ist jede Gerberei hohen Auflagen an Umwelt- und Arbeitsschutz unterworfen. Es gibt gesetzliche Vorschriften, Regeln zur Unfallverhütung und Aufsichtsbehörden. In der Praxis jedoch werden diese Regeln systematisch ausgehöhlt und unterlaufen. Kaum eine Behörde, Gemeinde, Stadt oder Region hat noch die Kapazitäten, um die Einhaltung der Regeln effektiv zu überwachen.

Die politische Haltung dazu hat der Umgang mit den Lieferkettengesetzen in Berlin und Brüssel beispielhaft gezeigt: Der Versuch, Konzerne für den Arbeits- und Umweltschutz auch in den Zuliefererbetrieben und –Ländern haftbar zu machen, wurde Ende letzten Jahres in der EU verwässert und torpediert: Das Lieferkettengesetz soll nur noch für wenige Großkonzerne gelten und erst ab 2028 europaweit kommen. Seither arbeitet auch die Merz-Regierung daran, dasselbe Gesetz in Berlin ebenfalls wieder abzuschaffen.

Konzerne und Regierungen haben mehr und mehr ausschließlich zwei Themen im Blick: die Aufrüstung für einen Krieg gegen Russland und die Profitmaximierung für Aktionäre und Superreiche. Themen wie Arbeitsschutz und Unfallverhütung und ihre Überprüfung geraten zwangsläufig ins Abseits. Die Folge davon sind immer mehr tödliche Unfälle und eine zunehmende Gefährdung am Arbeitsplatz.

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