Einige der wenigen Überlebenden von US-Raketenangriffen auf kleine Boote vor der Küste Südamerikas haben eindeutige Beweise vorgelegt, dass die Opfer der mörderischen Angriffe im Ostpazifik und der Karibik keine Drogenschmuggler, sondern verarmte Fischer waren.
Ecuadorianische Fischer haben ausgesagt, sie seien am 26. März auf dem Fischerboot Don Maca Ziel eines Doppelschlags („Double Tap“) durch eine US-Drohne geworden. Danach wurden sie von amerikanischen Soldaten verhaftet und in Handschellen, mit Kapuzen über den Köpfen und mit vorgehaltenen Waffen auf ein US-Patrouillenschiff gebracht.
Die Presse in den USA hat kaum über diese Serie von außergerichtlichen Morden berichtet, obwohl sie in den letzten Monaten dramatisch ausgeweitet wurde. Kein einziges der großen etablierten Medienhäuser erwähnte die Aussagen der Fischer, die die Angriffe überlebten.
Die Don Maca, ein 35-Tonnen-Fischkutter, war gemeinsam mit sechs kleineren Booten unterwegs und etwa eine Woche zuvor aus dem ecuadorianischen Hafen Manta ausgelaufen. Am 26. März verschwand er etwa 320 Kilometer nordwestlich der Galapagos-Inseln.
Als der Angriff begann, war die zwanzigköpfige Besatzung mit normalen Tätigkeiten im Rahmen des Fischfangs beschäftigt.
Jhonny Sebastián Palacios erklärte: „Wir haben gearbeitet und auf die Rückkehr des letzten Fischerboots gewartet. Alles war ganz normal.“ Nur Sekunden später wurde das Boot von einem Drohnenangriff zerstört. Palacios erklärte gegenüber dem Guardian: „Ich rannte nach oben und sah, dass das Boot zerstört war... Das ganze Schiff war leergefegt.“
Mehrere Besatzungsmitglieder wurden ernsthaft verletzt. Erick Fabricio Coello Saltos (27) ist infolge des Angriffs zu 90 Prozent erblindet, erlitt gerissene Trommelfelle und Verletzungen durch Schrapnell: „Als ich eine Explosion hörte, zerriss es mir furchtbar das Trommelfell... Ich war blutüberströmt.“
Nachdem die Don Maca in Brand geschossen wurde, verhafteten US-Soldaten die Überlebenden. Palacios sagte: „Wir hatten Angst, dass sie uns umbringen würden.“ Ein Anwalt der Besatzungsmitglieder beschrieb die Haft als „psychologische Folter“, die geprägt war von „Sinnesentzug und ständigen Drohungen mit Hinrichtung“.
Die Fischer schilderten, wie sie an Bord eines US-Schiffs festgehalten und später auf ein salvadorianisches Patrouillenboot überstellt wurden. Nach mehreren Tagen auf See wurden sie nach El Salvador gebracht, auf einer Militärbasis verhört und schließlich den Einwanderungsbehörden übergeben. Ihre Familien suchten derweil verzweifelt nach den Vermissten.
Palacios ist noch immer zutiefst erschüttert: „Ich bekomme mitten in der Nacht Angstanfälle. Ich schlafe schlecht. Meine Ohren schmerzen noch immer... Ich dachte, sie werden uns umbringen.“ Er fügte hinzu, er werde nie mehr fischen.
Der Angriff auf die Don Maca ist kein Einzelfall. Anwälte untersuchen auch das Verschwinden des ecuadorianischen Schiffs Fiorella, das seit drei Monaten mit seiner achtköpfigen Besatzung vermisst ist. Überlebende und Angehörige in der ganzen Region haben wiederholt ausgesagt, die Opfer hätten keine Verbindungen zum Drogenschmuggel gehabt.
Anfang April beschrieb Hernán Flores, Kapitän der Negra Francisca Duarte II, einen nahezu identischen Angriff nahe der Galapagos-Inseln am 17. März. Sein Schiff wurde von einer US-Drohne bombardiert und versenkt. Die sechzehnköpfige Besatzung sprang vom brennenden Schiff, mehrere Fischer wurden schwer verletzt. Sie konnten sich in kleinen Booten vor dem Feuer retten und trieben acht Tage lang auf dem Meer.
Nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatten, baten sie ein nahegelegenes Schiff um Hilfe, wurden jedoch von US-Soldaten mit Feindseligkeit abgewiesen. Eine Woche später wurden die Überlebenden schließlich von einem salvadorianischen Schiff gefunden.
Der Anwalt Jorge Chiriboga, der einige der Fischer vertritt, erklärte gegenüber der ecuadorianischen Nachrichtenseite Primicias: „Hierbei handelt es sich um Terrorismus gegen Fischer in der Sonderwirtschaftszone des ecuadorianischen Staates. Daher muss der Staat Ecuador und dessen Regierung die Interessen ecuadorianischer Staatsbürger schützen.“
Das rechte Regime von Präsident Daniel Noboa, Erbe eines Milliardenvermögens aus der Bananenindustrie und US-Staatsbürger, ist jedoch nicht gewillt, die Interessen der Fischer zu verteidigen. Damit gibt die Regierung Ecuadors dem Pentagon das „Recht“, so viele Ecuadorianer zu ermorden, wie es will. Regierungsvertreter haben, ohne irgendwelche Beweise vorzulegen, angedeutet, die Fischer könnten an illegalen Aktivitäten beteiligt gewesen sein. Die UN-Behörde für Entführungen sah sich gezwungen, die Regierung aufzufordern, im Fall der acht vermissten Besatzungsmitglieder der Fiorella tätig zu werden.
Im Februar dieses Jahres hatte Donald Trump in seiner Rede zur Lage der Nation scherzhaft erklärt, das US-Militär gehe so aggressiv vor, dass „niemand mehr Fischen gehen will“. Diesen „Witz“, der angesichts der Zeugenaussagen beängstigend wörtlich zu nehmen ist, hat Trump oft wiederholt und dabei offensichtlich sadistisches Vergnügen über die Ermordung unschuldiger Arbeiter empfunden.
Seit Beginn der „Operation Southern Spear“ im September 2025 hat das US-Militär mindestens 53 Angriffe auf Fischerboote durchgeführt, bei denen mindestens 181 Zivilisten getötet wurden.
Offizielle Pressemitteilungen des US Southern Command zeigen eine brutale Eskalation. Allein zwischen dem 11. und dem 19. April kam es im Ostpazifik zu fünf tödlichen Angriffen. In allen Fällen lautet die Rechtfertigung, die Schiffe würden sich „auf bekannten Schmuggelrouten“ bewegen.
Für diese Vorwürfe wurden keine verifizierbaren Beweise vorgelegt.
Tatsächlich werden die Versuche, diese Verbrechen zu untersuchen, systematisch behindert. Ein Bericht in The Intercept deutet darauf hin, dass das US-Außenministerium die Interamerikanische Menschenrechtskommission (IACHR), einen Arm der Organisation Amerikanischer Staaten, dazu gedrängt hat, die Angriffe nicht mehr zu untersuchen.
Bei einer Anhörung der IACHR am 13. März erklärten die American Civil Liberties Union, das Center for Constitutional Rights, die International Crisis Group und ein UN-Sonderberichterstatter, dass die Angriffe gegen US-amerikanisches und internationales Recht verstoßen. Vertreter der US-Regierung riefen die Kommission daraufhin auf, „zu anderen Themen überzugehen“. Die ehemalige IACHR-Führung warnte, dass die Organisation den „Zorn“ der USA fürchte, die ihr größter Geldgeber sind.
Gleichzeitig haben die Opfer der Familien rechtliche Schritte eingeleitet. Die Angehörigen des kolumbianischen Fischers Alejandro Carranza, der bei dem Angriff am 15. September getötet wurde, haben eine Klage eingereicht, in der sie US-Verteidigungsminister Pete Hegseth als Verantwortlichen nennen. Sie erklärten, Carranza sei kein Schmuggler gewesen, sondern habe sein ganzes Leben lang als Fischer gearbeitet und sei Vater von vier Kindern gewesen.
Auch die Familien von Chad Joseph und Rishi Samaroo aus Trinidad haben Klage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Anwälteteams beschreiben die Serie von Angriffen als „beispiellos und offenkundig rechtswidrig“.
Diese Operationen dienten als Vorwand für eine umfassende Stationierung von US-Truppen, deren Höhepunkt die Angriffe auf Caracas und andere Ziele in Venezuela am 3. Januar war. Dabei wurden mehr als 100 Menschen getötet und Präsident Nicolás Maduro entführt.
„Operation Total Extermination“
Im März kündigte der ecuadorianische Präsident Noboa gemeinsame Landoperationen von Ecuador und den USA an. Joseph Humire, ein hochrangiger Vertreter des Pentagon, erklärte vor dem Kongress, die Angriffe auf Boote seien „erst der Anfang“ von „Operation Total Extermination“ (Operation Totale Ausrottung) an der ecuadorianisch-kolumbianischen Grenze.
Seither haben weitere Zeugen ausgesagt, dass sich diese Operationen gegen ländliche Gemeinden richten. Häuser und landwirtschaftliche Infrastruktur werden zerstört, die Arbeiter verhaftet und gefoltert.
Gleichzeitig weiten die USA ihre Geheimdienst- und Polizeitätigkeiten aus. Das FBI hat eine Zweigstelle in Quito eröffnet und eine dauerhafte Präsenz in Costa Rica eingerichtet. Über neue bilaterale Abkommen verstärken die USA ihre Kontrolle über die regionalen Operationen.
Diese Entwicklungen fallen zusammen mit groß angelegten Militärübungen wie Southern Seas 2026, die vom US Southern Command angeführt wird. Die Stationierung großer Seestreitkräfte, darunter Flugzeugträgerkampfgruppen, verdeutlicht das strategische Ausmaß des Aufgebots.
Im Ostpazifik hat Washington auch wirtschaftliche Infrastruktur ins Visier genommen, die in Verbindung mit China steht, vor allem den peruanischen Megahafen Chancay. US-Regierungsvertreter haben offen damit gedroht, den Hafen von seinem chinesischen Betreiber „zurückzuholen“. Dies erinnert an frühere Drohungen gegen den Panamakanal und verdeutlicht die geopolitische Dimension der Kampagne.
In der Karibik sind weiterhin US-Seestreitkräfte aktiv, rund um Kuba fliegen verstärkt Aufklärungsdrohnen und das US-Militär bereitet sich auf mögliche Militärschläge für einen Regimewechsel vor.
Es ist unverkennbar, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen Entwicklungen gibt. Die USA streben unter dem Vorwand der Bekämpfung des Drogenschmuggels die militärische Vorherrschaft über die westliche Hemisphäre an, die sie als ihre exklusive Einflusssphäre betrachten. Dieses Vorgehen richtet sich gegen Chinas zunehmende Investitionen und Handelsbeziehungen in der Region.
Dieser Strategie liegt eine Doktrin zugrunde, die von Hegseth als „Groß-Nordamerika“ bezeichnet wird und in beängstigender Weise an die expansionistische Ideologie des „Großdeutschen Reiches“ der Nazis erinnert. Genau wie dieses historische Vorbild kombiniert sie territoriale Ansprüche mit der systematischen Entmenschlichung der Bevölkerung der anvisierten Länder.
Auch die angewandten Methoden sind aufschlussreich. Die außergerichtliche Tötung von Fischern durch Drohnenangriffe auf der Grundlage von unbestätigten Geheimdienstdaten und ohne Gerichtsverfahren soll die Vorstellung normalisieren, dass die USA das Recht hätten, überall in der westlichen Hemisphäre – selbst auf US-amerikanischem Staatsgebiet – jeden auf der Grundlage von reinen Verdachtsmomenten zu ermorden.
Man darf von keiner Fraktion des amerikanischen politischen Establishments erwarten, dass sie diese Verbrechen beendet. Die Demokraten im Repräsentantenhaus haben die Amtsenthebung von Pete Hegseth beantragt, u.a. wegen nicht genehmigter Kriegsführung gegen den Iran und den tödlichen Angriffen auf angebliche Schmugglerboote.
Doch dabei handelt es sich um eine Farce. Solange die Republikaner den Kongress kontrollieren, hat dieses Amtsenthebungsverfahren nahezu keine Aussicht auf Erfolg und dient hauptsächlich als politische Geste. Gleichzeitig haben die Demokraten mehrfach im Kongress für die Finanzierung der Militäroperationen gestimmt, die sie jetzt kritisieren. Sie sind Komplizen in dem anhaltenden Blutvergießen.
Auch den so genannten „linken“ nationalistischen Regierungen in Lateinamerika darf kein Vertrauen geschenkt werden. Im Oktober hatten der kolumbianische Präsident Gustavo Petro und die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum die Angriffe als illegal verurteilt. Petro erklärte: „Wenn eine Rakete gegen ein Boot mit Unbewaffneten eingesetzt wird, dann ist das eine außergerichtliche Ermordung.“
Doch nach der Entführung Maduros am 3. Januar und der darauf folgenden Eskalation der US-Aggression folgte nur noch Schweigen. Weder Petro noch Sheinbaum – oder der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva – verurteilten bei ihren Auftritten auf dem Gipfeltreffen „Global Progressive Mobilisation“ in Barcelona am letzten Wochenende die anhaltenden Morde.
Das Schweigen zeigt, dass diese Regierungen, die ihren eigenen kapitalistischen Eliten gehorchen, organisch unfähig sind, echten Widerstand gegen den US-Imperialismus zu organisieren. Ihre frühere Kritik erwies sich als leere Rhetorik, die sie angesichts des zunehmenden Drucks aus Washington schnell aufgegeben haben.
Was sich in den Gewässern des Ostpazifik und der Karibik abspielt, ist kein „Krieg gegen Drogen“, sondern eine Terrorkampagne gegen Arbeiter. Die Beweise verdeutlichen, dass die blutrünstigsten und schamlosesten Massenmörder und Verbrecher sich nicht in abgelegenen Dschungeln oder auf dem Meer verstecken, sondern in Machtpositionen in Washington sitzen und einen Feldzug für die globale Vorherrschaft der USA führen. Menschenleben gelten dabei als entbehrlich.
