Am Nachmittag des 8. März versammelten sich zahlreiche Schüler, Studierende und junge Arbeiter zu einer Online-Versammlung der International Youth and Students for Social Equality (IYSSE). Unter dem Titel „Stoppt den Krieg gegen den Iran!“ diskutierten die Teilnehmer über die verheerende Eskalation im Nahen Osten und die notwendige Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse gegen die drohende Gefahr eines Dritten Weltkriegs.
Florian Hasek, Sprecher der IYSSE in Stuttgart, leitete die Veranstaltung und ordnete den Ernst der Lage unmittelbar ein. Er verwies auf den Angriff der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar, der bereits nach einer Woche den Charakter eines Vernichtungskriegs angenommen hat. Hasek berichtete von über 2.000 Todesopfern, gezielten Bombardements auf Wohnviertel, Krankenhäuser und Schulen – darunter eine Mädchenschule mit über 140 Opfern im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Er betonte, dass die Methoden, die im Genozid in Gaza erprobt wurden, nun auf den Iran angewandt werden.
Ein organisierter Staatsmord und die Tradition des „totalen Kriegs“
Tamino Wilck, Sprecher der IYSSE in Deutschland, hielt den einleitenden Beitrag und zeichnete ein erschütterndes Bild der imperialistischen Aggression. Er bezeichnete das Vorgehen gegen den Iran, ein Land mit 93 Millionen Einwohnern, als einen „wirklichen Vernichtungsfeldzug“. Wilck zitierte die blutrünstige Rhetorik von US-Präsident Donald Trump, der offen erklärte: „Wir machen sie fertig. [...] Bald werden wir niemanden mehr kennen“.
Diese gezielte Auslöschung der iranischen Staatsführung und die rücksichtslose Bombardierung von Zivilisten seien kein Zufall, sondern „organisierter Staatsmord“. Wilck zog eine direkte historische Parallele zur Verkündung des „totalen Kriegs“ durch die Nationalsozialisten und verwies auf die Nürnberger Prozesse, die die Entfesselung eines Angriffskrieges als das oberste internationale Verbrechen einstuften.
Besonders scharf kritisierte Wilck die Rolle der Bundesregierung. Bundeskanzler Friedrich Merz habe Trump bereits im Weißen Haus die Hand geschüttelt und die volle Unterstützung für den Sturz des Regimes in Teheran zugesichert, während er gleichzeitig die Bundeswehr aufrüstet und die Wehrpflicht wieder einführt. Wilck entlarvte zudem die üble Rolle der Linkspartei: Deren Vorsitzender Jan van Aken habe die Ermordung iranischer Staatsvertreter mit den Worten „Mögen sie in der Hölle schmoren“ offen bejubelt und damit die politische Rechtfertigung für Kriegsverbrechen geliefert.
Die geopolitischen Triebkräfte und der Kampf um Ressourcen
In der anschließenden Diskussion analysierten IYSSE-Mitglieder die tieferen Ursachen der Eskalation. Der Student Semyon legte dar, dass die Sorge um eine iranische Atombombe eine „Lüge von Anfang an“ sei. Tatsächlich gehe es um die physische Kontrolle über die Öl- und Gasreserven des Nahen Ostens sowie um die strategische Einkreisung Chinas und Russlands. Er warnte unter Bezugnahme auf ein Zitat von Albert Einstein davor, dass die imperialistische Rivalität die menschliche Zivilisation an den Abgrund einer nuklearen Vernichtung treibe.
Semyon erklärte weiter, dass die europäischen Mächte wie Deutschland und Frankreich den Krieg unterstützen, um sich ihren Anteil an der Beute zu sichern und gleichzeitig die USA in ihrem Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine bei der Stange zu halten. Die Krise des Weltkapitalismus lasse nur zwei Wege offen: Die Barbarei des Weltkriegs oder den Sozialismus.
Sozialistisches Bewusstsein versus bürgerliche Propaganda
Ein zentraler Punkt der Debatte war die Frage, wie ein wirksamer Widerstand organisiert werden kann. Joshua Seubert, Mitglied der IYSSE, kritisierte die Führung der jüngsten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht scharf. Obwohl am vergangenen Donnerstag bundesweit 50.000 Schüler demonstrierten, habe die stalinistische Führung (SDAJ) den Krieg gegen den Iran bewusst ausgeklammert, um die Bewegung auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu begrenzen. Er warnte davor, dass die Bewegung ohne eine Ausweitung auf die internationale Arbeiterklasse wie Fridays for Future vereinnahmt werde.
In diesem Zusammenhang warf der Student Tilo eine entscheidende strategische Frage auf. Er berichtete von der weit verbreiteten Illusion, dass allein die Abschaffung der Wehrpflicht ausreichen würde, um den Frieden wiederherzustellen. Tilo fragte die Versammlung konkret, wie man die Menschen wirksam davon überzeugen könne, dass es den Sozialismus als einzigen Ausweg braucht, anstatt sich auf die bloße Ablehnung der Wehrpflicht zu beschränken. Joshua und Tamino antworteten darauf, dass die Wehrpflicht kein isoliertes Problem sei, sondern dazu diene, die Jugend als „Kanonenfutter“ für eben jene imperialistischen Kriege einzuziehen, weshalb der Kampf dagegen untrennbar mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden werden müsse.
Der 13-jährige Schüler Henning griff diesen Punkt auf und kritisierte, dass Jugendliche in den Schulen kaum die Chance erhielten, wirkliche Informationen über die Hintergründe politischer Ereignisse zu bekommen. Er betonte, dass aktuelle Geschehnisse wie der Angriff auf den Iran in der Öffentlichkeit oft nicht tief genug analysiert würden, weshalb viele Menschen nicht verstünden, wohin diese Entwicklung führe. Henning hob zudem hervor, dass ein echtes Verständnis des Sozialismus notwendig sei, der als internationales System begriffen werden müsse und nicht mit den stalinistischen Degenerationen der Vergangenheit verwechselt werden dürfe
WSWS-Autorin Katerina Selin betonte ebenfalls die Notwendigkeit der politischen Aufklärung. Sie erklärte, dass die herrschende Klasse durch Geschichtsumschreibung und Bundeswehr-Besuche an Schulen systematisch versuche, das Bewusstsein der Jugend zu manipulieren. „Die erste und wichtigste Aufgabe eines Revolutionärs ist immer zu sagen, was ist“, so Katerina. Sie verwies auf den engen Zusammenhang zwischen der Repression im Innern – wie dem Aufbau einer Diktatur in den USA – und der Aggression nach außen.
Der junge Pfleger Maximilian ergänzte, dass die einseitige Darstellung der Geschichte im Schulunterricht kein Versehen, sondern Kalkül sei, um den Kapitalismus als unumstößlich darzustellen. Er rief dazu auf, unabhängige Informationsquellen wie die World Socialist Web Site und Werkzeuge wie die sozialistische KI „Socialism AI“ zu nutzen.
Aufbau einer internationalen Antikriegsbewegung
Philipp Frisch, ein Lehrer und langjähriges IYSSE-Mitglied, berichtete von der zunehmenden Zensur an Schulen, wo Lehrer für die Benennung des Genozids in Gaza zur Schulleitung zitiert würden. Er betonte, dass die Lehrer auf den Protest der Schüler angewiesen seien, und rief dazu auf, sich in der Tradition der russischen und deutschen Revolutionen politisch auszubilden.
Zum Abschluss der Veranstaltung lud Florian Hasek alle Teilnehmer ein, sich den IYSSE anzuschließen und an den kommenden Veranstaltungen in Leipzig, Berlin und Nürnberg zum Thema „Wohin geht Amerika: Faschismus oder Sozialismus?“ teilzunehmen. Er verwies zudem auf das internationale Webinar der WSWS am selben Abend. Hasek schloss mit dem dringenden Appell, die politische Klärung als Voraussetzung für den Sieg über den Imperialismus zu begreifen: „Wir müssen den Krieg stoppen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber eine machbare Aufgabe“.
